Ein Koffer in Berlin

L. Birkner nach den Berichten von Fritz Janssen

Schlepper „Memmert“

Wie Musik erscheint Fritz der beruhigende Rhythmus der MWM –Maschine in dem Schlepper „Memmert“. Er fährt die Maschine nur mit halber Kraft. Locker schiebt sie den 43 Tonnen schweren Rumpf durch den Mittellandkanal. Gestern, am 11.05.2010, sind sie, Bestmann Ehefrau Nadja und er, von Jemgum aus gestartet, haben problemlos die Ems und den Dortmund-Ems-Kanal (den kennt jeder von uns zumindest abschnittweise) bewältigt, und nun geht es zügig mit den vorgeschriebenen 12 km/h Richtung Berlin. Die etwas Älteren unter uns kennen den Schlepper noch aus seiner „aktiven“ Zeit, als er im Emder Hafen eingesetzt war. Die Bootswerft Bültjer in Ditzum versah den Schlepper mit einer geräumigen, gemütlichen Kajüte, und nun ist die Yacht einsatzbereit für private Reisen, zumal 12-, 24-, 220 Volt-Anlagen für jeden Komfort sorgen. Ich verzichte darauf, die mächtigen Anstrengungen von Fritz zu beschreiben, die das Schiff in seinen hervorragenden Zustand brachten. Die Reise sowie die Begleitung seiner Frau hatte sich Fritz zum 70. Geburtstag gewünscht. Oberstes Gesetz bei der Planung der Reise: Sachte an! Nicht Kilometer fressen, sondern seniorengerechtes Vorankommen ist angesagt, also nach höchstens sechs Stunden haben Crew und Diesel Schicht.. Die Fahrt auf dem längsten Kanal (325,3 km) Deutschlands kann anstrengend sein, auch wenn es auf dieser Wasserstraße immer lebhaft zugeht.

Memmert

Schleusen

Die Schleusenmanöver der Memmert-Crew haben sich längst automatisiert. Jeder Handgriff sitzt. In modernen Schleusen wandern die Poller die Fallhöhe von ca. 14 m mit nach unten, in den älteren steht die Besatzung vorn und achtern mit der Leine parat und legt das Auge auf den nächsten Poller. Drei Schleusen waren zu überwinden: nach Überquerung der Weser bei Minden (die Trogbrücke hier ist ein Reisehöhepunkt) durchfahren sie die Schleuse Anderten bei Hannover, die Schleuse Sülfed bei Wolfsburg kurz nach der Abzweigung zum Elbe-Seitenkanal und als letzte die Schleuse Hohenwarthe, nach der dann der Elbe-Havel-Kanal beginnt. Fritz, der beruflich viel mit dem Wasserbau zu tun hatte, kann die enormen Schwierigkeiten ermessen, die beim Bau des Kanals auftraten. Alles scheint geregelt: seit 2003 ist der Mittellandkanal mit der Einweihung des Wasserstraßenkreuzes Magdeburg und der Schleuse Hohenwarthe zum ersten Mal auf ganzer Länge befahrbar. Das kommt nicht nur dem Schlepper „Memmert“ zugute. Übrigens wurden die Schleusen deshalb so großzügig lang (bis 214 m) gebaut, weil sie ursprünglich für Schlepper mit ihrem „Anhang“ gedacht waren. Mittlerweile haben sich die Einzelfahrer durchgesetzt (z. B. Europaschiff) – so auch Schlepper „Memmert“.

Nach Berlin auf dem Elbe-Havel Kanal

Auf einem Kontrollgang durch den Maschinenraum entdeckt Fritz zu seinem Schrecken Wasser in der sonst trockenen Bilge. Die Leckstelle ist schnell gefunden: ein Flansch am Getriebe für die Kühlung ist defekt. Reparatur? Klar doch, aber ein Tag Aufenthalt muss hingenommen werden. Die Axt im Haus ist bei Fritz der Schweißapparat. Nach einigen Stunden schweißtreibender Arbeit - auf dem Bauch liegend - ist der Schaden behoben. Umso mehr können sie jetzt die herrliche Seenwelt der Havel genießen. Sie gehen vor Anker in der Nähe eines Badestrandes. Bald herrscht reges Treiben am Strand, an dem offenbar wird, dass Badeanzüge -gleichgültig für welche Größennummer - immer noch ein rarer Artikel in der ehemaligen DDR sind. Zwei Schwimmer halten Kurs auf eine ankernde H-Jolle, 20 Meter von „Memmert“ entfernt. Der erste Schwimmer entpuppt sich als ein schlankes Mädchen, das sich ob seiner Nacktheit nicht im geringsten geniert, so auch nicht der folgende Schwimmer, tatsächlich ein gut gebauter muskulöser Mann. Sie sonnen sich zunächst an Deck, nach einer Weile offensichtlich auf den Bodenbrettern der Jolle. Als dann abwechselnd ein sonnengebräunter männlicher Mond über der Süllkante aufgeht und dann der freie Oberkörper des Mädchens, verschwindet Nadja empört in der Pantry. “Haben die denn hier kein Zuhause?“ Fritz lächelt mit etwas mehr Verständnis über die Liebe im Freien. „Das ist geblieben von der Freiheit des Sozialismus!“ erklärt er.

In Berlin

Die Freude ist groß, als sie ihr erstes Ziel Berlin erreichen. Hier hat Renate noch einen Koffer stehen bei ihrer Schulfreundin Annegret. Fritz hatte schon ein wenig Sorge wegen der Weitläufigkeit der Großstadt Berlin. Zu Fuß ist ein Seemann nicht so stark. Aber seine Bedenken sind unbegründet. Alle wichtigen touristischen Stätten werden der Besatzung von „Memmert“ stolz und kenntnisreich vorgeführt - mit dem bequemen Wagen von Annegret und ihrem Mann Hans Scholz. Ein Mensch kann nur eine begrenzte Anzahl von frischen Eindrücken verwerten, und so findet man sich zur Erholung in der „Memmert“-Messe wieder ein. Vier Tage bleiben sie am Liegeplatz in Berlin Kladow, dann geht die Reise weiter durch das Berliner Wasserstraßennetz. Einmal hört Fritz nicht genau hin, als Nadja warnt, dass er die gewählte Abbiegung nicht befahren dürfe. „Ach wat, das ist der bekannte Landwehr- Kanal , da sind überall zwei Meter Wa…!“ Da grummelt es schon. Die starke Maschine drückt das Schiff durch Steine, Dreck, Geröll, Fahrräder, vielleicht auch Koffer, bis Fritz ein Einsehen hat: es wird nicht besser, also rückwärts einen Kilometer wieder raus, vorbei an böse blickenden Weißflottenkapitänen. Ein anderes Mal verpeilt sich Fritz um drei Millimeter bei einer Durchfahrtshöhe . Der Mast ist zwar geklappt, aber Fritz legt Wert darauf, mit stehendem Mast zu fahren, wenn es die Brücken gestatten. Und wer musste immer aufs Kajütdach klettern, die Wanten lösen, den Mast legen? Selbstredend Bestmann Nadja. Als Fritz mit dem Mastkoker fest unter der Brücke hängt, hört er über Funk die hämischen Kommentare der Schiffsführer, die recht aggressiv ihre Schiffe mitten im Fahrwasser halten. Allerdings ist Fritz auch nicht ängstlich. Er hält selbstbewusst Kurs, wenn sie ihm zu nahe kommen. Ein Schlepper ist auch nicht von Pappe. Er kommt trickreich (energisch den Rückwärtsgang einlegen) wieder frei von der Brücke und wählt in dem Überangebot der Berliner Kanäle den richtigen aus. Über die Spree am imposanten Regierungsviertel vorbei dampfen sie jetzt östlich Richtung Oder. Zur Oder und zum Peenestrom Mit flotter Fahrt geht es weiter in einem gut markierten Oderfahrwasser, an Stettin vorbei, ins Oder- oder Stettiner Haff. An Steuerbord fällt ein Eisenbahnhebewerk auf, das wegen des 2. Weltkriegs nicht fertig gestellt wurde. Neuartig war das Mittelteil, das von den Schiffen unterquert, aber für den Eisenbahnverkehr nach unten gefahren werden konnte. Die Schlepper-Crew durchfährt die Brücke Anklam, den schönen Peenestrom und macht dann an der großzügigen Pier der Wasserschutzpolizei in Stralsund fest. Dort wird Lolo alarmiert, der sich in Schaprode auf Rügen mit seiner Frau Maggi, dem Dackel Susi, einer Dehlya 22 und einem Wohnmobil aufhält. Mit Hilfe des letzteren kaufen Fritz und Nadja zwei Discounter leer und sind für den Rest der Reise gerüstet. Vorher besichtigen sie Stralsund und vor allem das großartige Ozeaneum. Nach einigen Tagen Liegezeit heißt es „Hebel up Tafel! Wi laten hum stappen!“ Endlich wieder freie Fahrt mit ausreichend Wasser unterm Kiel. Über Heiligenhafen, Kiel, Kielkanal, Rendsburg, Cuxhaven nehmen sie Kurs auf Helgoland. Bei wunderbarem Sommerwetter genießen sie Nordseeluft.

Besuch auf Helgoland

Ein neues Besatzungsmitglied trifft auf Helgoland ein. Enkel Klaas, 12 Jahre, ist da. Er wurde von Papa Friedrich in Cuxhaven auf die Fähre gesetzt und bringt Schwung in die „ Memmert“-Senioren. Bei ruhigem Wetter starten sie zur Überfahrt nach Norderney. Bis zur Kuh-Tonne vor Helgoland geht alles gut. Dann entsteht wie aus dem Nichts eine unangenehme Kreuzsee. „ Oh Opa, Wellen, cool!“ ruft der tüchtige Optisegler begeistert. Aber schnell ändert sich seine Gesichtsfarbe, und dann kommt, was kommen muss. Aus Solidarität geht es Oma auch nicht so gut. Fritz hat zwei „Notfälle“ an Bord. Mit verschärfter Fahrt schneidet der Schlepper die Nordseewellen, und es ist nicht zu ermitteln, ob die Tonne D19 an Steuerbord bleibt. Wir fragen nicht nach. Im Norderneyer Seegatt sind alle wieder wohlauf. Jemgum ist nicht mehr weit. Eine zwei Monate dauernde Reise mit vielen neuen Eindrücken über Flüsse, Kanäle und freie See ist zu Ende. Das Ziel 2011- bei Leben und Gesundheit - ist wieder die Ostsee, dann aber ohne den kleinen Schwenk über Berlin.

Karten:

Empfehlenswert sind die Sportschifffahrtskarten Binnen, 1- 4 der Nautischen Veröffentlichung Verlagsgesellschaft mbH, Lange Str. 95, 24399 Arnis, Tel.: 04642 92460, s. a. www. nv-navigator.de